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Psychisch kranke Mörder – wann ist man Schuldunfähig?

Begeht ein Täter einen Mord oder ein anderes Verbrechen und wird aufgrund einer psychischen Erkrankung als Schuldunfähig eingestuft, gibt es oft einen großen Aufschrei in den sozialen Medien. Oft fällt das Argument, sobald ein Täter eine psychische Erkrankung hat, wird er nicht richtig bestraft. Doch so einfach ist es nicht als Schuldunfähig erklärt zu werden.

 

Was ist Schuldunfähigkeit?

Nach § 20 StGB handelt ohne Schuld, „wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.“ Schuldunfähig kann also sein, wer im Moment der Tat nicht das Schuldhafte seines Handelns erkennt oder nicht in der Lage ist, sich zu steuern. Schuldunfähig können auch Täter sein, die unter Alkohol- oder Drogeneinfluss die Tat begangen haben, doch diese Situation lassen wir hier bewusst aus.

Die offizielle Definition hört sich zuerst ziemlich kompliziert an, doch eigentlich ist der Untschied zwischen psychisch kranken Tätern die Schuldfähig und Schuldunfähig sind recht einfach zu verstehen, wenn man sich mehr damit auseinander setzt.

Für ein besseres Verständis möchte ich euch zwei Beispielsituationen näher bringen und euch den Unterschied verständlich erklären.

 


Situation 1 – Schuldfähig

Anna wurde als Kind von ihrem Onkel sexuell missbraucht, immer und immer wieder. Sie konnte sich nicht wehren, fühlte sich hilflos. Sie versuchte sich ihrer Mutter anzuvertrauen, doch sie glaubte ihr nicht. Die Mutter konnte sich einfach nicht vorstellen, dass ihr eigener Bruder ihrer Tochter so etwas antun würde. Anna wurde erwachsen, ihr Onkel nie bestraft. Jetzt ist Anna 22 Jahre, sie ging endlich zur Polizei um ihren Onkel anzuzeigen, doch die Taten sind schon längst verjährt, die Polizei kann nichts mehr für sie tun. Anna ist krank, sehr krank. Ihre Ausbildung musste sie wegen ihrer starken Depressionen abbrechen. Sie ist in Behandlung bei einem Therapeuten. Jeden Tag hat sie Flashbacks von den Missbräuchen, obwohl es schon so lange her ist, fühlt es sich für sie an als würde es jeden Tag neu passieren. Sie ist schwer traumatisiert und kann kein normales Leben führen. Eines Tages fasst sie einen Plan – ihr Onkel muss sterben. Sie ist sich sicher, wenn sie ihn umbringt und ihn somit gerecht bestraft, kann sie mit ihrer Vergangenheit abschließen. Nun verbringt sie fast jeden Tag im Internetcafe. Sie informiert sich über Schusswaffen und woher sie eine bekommen kann. Im Darknet wurde sie fündig und hat sich dort eine Waffe “bestellt”. Außerdem fing sie an ihren Onkel zu beobachten, um herauszufinden wann er alleine ist. Nach zwei Wochen des Beobachtens hat sie endlich die richtige Gelegenheit gefunden. Sie lautert ihm auf, sie erschießt ihn von hinten, ihr Onkel hat es gar nicht mitbekommen, schon war er tot. Danach entsorgt sie die Waffe in einem nahegelegenem See. Doch es gab einen Zeugen, den Anna nicht bemerkte. 3 Tage später wurde sie festgenommen.

 


Situation 2 – Schuldunfähig

Niko ist 19, gerade hat er sein Abitur geschrieben. Er möchte Informatik studieren und hat sich bereits an der Uni eingeschrieben. Doch Niko merkt nicht, dass er krank ist. Es kam schleichend, immer wieder hörte er Stimmen. Von Schizophrenie und Psychosen hat er zwar schon gehört, doch zu wenig um zu wissen was gerade mit ihm passiert. Es fing schon in der Schule an, immer wieder flüsterten ihm die Stimmen zu, er ist schlecht, er ist ein Versager. Die Stimmen sagen ihm, dass die Menschen ihm Schaden wollen, sie sagen ihm, dass die Menschen die er liebt, gar nicht diese Menschen sind, es sind Dämonen die sich wie seine Familie verkleidet haben. Für Niko sind die Stimmen real, nur er kann sie hören, sie sind so präsent und reden fast jede Minute auf ihn ein. Immer und immer wieder sagen sie ihm, dass seine Mutter gar nicht seine Mutter ist. Niko wird anderen Menschen gegenüber immer misstrauischer und zieht sich komplett zurück. Er trifft seine Freunde nicht mehr und schließt sich nur noch in seinem Zimmer ein. Er versucht die Stimmen zu ignorieren, doch es geht nicht. Sie reden und reden und reden. Niko kann sie nicht los werden. An dem verhängnissvollen Tag war es wieder besonders schlimm. Die Stimmen flüstern: “Du bist in Gefahr”, “Deine Mutter ist ein Dämon”, “Du musst ihn töten”, sie wiederholen die Worte immer und immer wieder. Niko möchte sich die Ohren zuhalten, doch er hört diese Stimmen immer noch, da sie in seinem Kopf sind. Er schreit: “geht weg, verschwindet!”, aber es hilft nicht, die Stimmen sind immer noch da. Seine Mutter machte sich große Sorgen um ihn, sie weiß auch nicht, was mit ihm nicht stimmen könnte, sie hat schon einen Termin bei einem Psychiater vereinbart doch es ist zu spät. Nun sieht Niko auch Dinge die nicht real sind. Seine Wände bewegen sich, Blut läuft an ihnen herunter. Seine Mutter klopft an seinem Zimmer und möchte zu ihm. Niko sieht überall Blut, an den Wänden, an der Decke, am Boden. Gleichzeitig schreien die Stimmen ihn an. “Du bist in Gefahr”, “Der Dämon wird dich umbringen, töte ihn, töte ihn”, sie wiederholen es immer und immer wieder. Niko hat so große Angst, er denkt er muss sterben. Wieder die Stimmen: “Du musst es tun, sonst stirbst du. Der Dämon wird dich töten”. Seine Mutter betritt sein Zimmer, doch er sieht nicht seine Mutter. Er sieht ein großes bedrohliches Monster mit glühenden Augen, er sieht ein Monster, dass dabei ist ihn anzugreifen. Die Mutter möchte ihn nur in den Arm nehmen, da sie bemerkt wie verängstigt er ist. Sie kommt näher. Niko greift zu seinem Taschenmesser in seiner Schublade, immer und immer wieder sticht er auf seine Mutter ein. Gleichzeitig immer noch die Stimmen: “töte ihn, töte ihn, töte ihn”. Seine Mutter sinkt zu Boden und stirbt. Stundenlang sitzt Niko einfach nur da und hört den Stimmen zu. Abends kommt sein Vater nach Hause. Er findet seine Frau tot auf dem Boden und seinen Sohn daneben, starr den Blick gegen die Wand gerichtet. Der Vater ruft die Polizei, Niko kommt in die Psychiatrie. Dort bekommt er das erste Mal Medikamente. Nach  Wochen schlagen die Medikamente an, die Stimmen werden weniger und Niko kann wieder klare Gedanken fassen. Ein Psychologe redet mit ihm, versucht ihm beizubringen was er getan hat. Als Niko begreift, dass er seine Mutter getötet hat bricht er weinend zusammen. Er kann nicht glauben, dass er soetwas getan hat. Die Tat wird ihn ewig verfolgen. Niko wird als Schuldunfähig eingestuft und bleibt in der Psychiatrie, wo er weiter mit Medikamenten und einer Psychotherapie behandelt wird.

 


Wo ist nun der Unterschied?

Anna hat im Gegensatz zu Niko ihre Tat geplant. Sie wusste genau was sie tut, als sie im Internet nach Waffen gesucht hat. Sie wusste was sie tut als sie ihrem Onkel aufgelauert ist. Anna wusste, dass sie einen Mord begeht. Sie hat die Tat von langer Hand geplant. Was das Opfer ihr angetan hat und die daraus entstandenen psychischen Schäden wirken sich zwar wahrscheinlich strafmildernd aus, doch sie hat immer noch einen Mord begangen. Sie war bei jedem Schritt ihrer Tat bei klarem Verstand. Sie wusste, dass es falsch ist einen Menschen zu töten und dass sie Selbstjustiz ausgeübt hat. Niko jedoch wusste nicht was er tut, für ihn waren die Stimmen und der Dämon real. Für ihn hat er nicht seine Mutter ohne Grund getötet sondern er hatte sich von dem Dämon und den Stimmen so bedroht gefühlt, dass er sich “wehren” musste. In seiner Realität hat er sich nur verteidigt. Niko konnte es nicht anders wissen, er wusste weder dass er krank ist, noch dass das was er hört und sieht nur Halluzinationen sind. Für ihn war alles echt. Die größte Strafe wird für Niko die Gewissheit sein, dass er seine geliebte Mutter getötet hat.

 


Was passiert mit schuldunfähigen Mördern?

Zuerst wird von einem Gutachter geprüft ob bei einer Tat der Täter wirklich schuldunfähig war. Wenn das der Fall ist kann der Täter nicht bestraft werden. Im Normalfall wird er jedoch in eine forensische Psychiatrie eingewiesen, da davon auszugehen ist, dass noch Gefahr von ihm ausgehen könnte. Dort wird der Täter psychiatrisch behandelt. Er bekommt Medikamente und eine Psychotherapie. Ob der Täter dort sein ganzes Leben verbringen muss, weil noch Gefahr von ihm ausgeht, wird immer wieder überprüft. Auch können Täter wieder entlassen werden, wenn sie erfolgreich behandelt wurden und keine Gefahr mehr von ihnen ausgeht. Das geschieht oft aber erst nach mehreren Jahren und nach sehr vielen Gutachten. Die meisten Täter verbringen ihr restliches Leben in der Psychiatrie.

 

An dieser Stelle möchte ich zum Nachdenken anregen. Es wird bestimmt Täter geben, die ihre Schuldunfähigkeit nur vorspielen, doch normalerweise können diese Täter wirklich nichts für ihre Taten. Sie wussten nicht was sie in diesem Moment getan haben. Das kann jedem passieren, jeder Mensch könnte unerkannt an einer Schizophrenie oder einer ähnlichen Krankheit erkranken und aus Angst und im Wahn Straftaten behen, von denen er in diesem Moment nicht weiß, dass es eine ist. Stellt euch vor, euch würde soetwas passieren, oder jemand den ihr kennt. 0,7-1% der Bevölkerung erkranken im Laufe ihres Lebens an Schizophrenie (die wenigsten Betroffenen sind aber wirklich gefährlich, es gibt verschiedene Formen und Schwergegrade und mit Medikamenten kann man die Krankheit meist gut behandeln). Diese Täter müssen ihr ganzes Leben damit klar kommen, was sie getan haben. Diese Erkenntnis und der Aufenthalt in der Psychiatrie ist wirklich Strafe genug, und ob sie nun im Gefängnis oder in der Psychatrie ihr restliches Leben verbringen, müssen macht für die Bevölkerung keinen Unterschied. Deswegen sollte man vielleicht über die Situation nachdenken, bevor man bei solchen Taten in den Nachrichten einen Shitstorm in den sozialen Medien startet. Schizophrenie ist eine Erkankung des Gehirns. Forscher und Ärzte haben zwar noch nicht genau herausgefunden, was die Erkrankung wirklich auslöst, da es sehr viele Risikofaktoren gibt, wissen aber jedoch dass manche chemische Vorgänge im Gehirn gestört sein müssen. Diese Menschen haben es sich nicht ausgesucht krank zu werden, sie können da einfach nichts dafür. Genauso wenig wie ein Krebskranker sich seine Krankheit nicht ausgesucht hat.

 

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Über Lunaxia

Lunaxia
Hallo, ich bin Lunaxia Ich bin Chefredakteurin bei Horror Fakten. Im wirklichen Leben heiße ich Vanessa, bin 26 Jahre und komme aus Bayern. Seit meiner Kindheit bin ich schon Horrorfan, angefangen mit den Gänsehautbüchern und Filmen wie "the Ring". Heute interessiere ich mich sehr für Übernatürliches und die menschliche Psyche. "Ihr lacht über mich, weil ich anders bin. Ich lache über euch, weil ihr alle gleich seid"

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