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Die Insel der Zombiepuppen in Mexico – Isla de La Munecas

Über 1.000 mehr oder wenig verstümmelte Puppen verteilen sich auf der grauenvollen Isla de La Munecas (fr ei übersetzt: „Insel der Puppen“) in Mexiko, die inzwischen Menschen aus der ganzen Region aufgestellt haben, um den Geist einer Toten zu vertreiben. Wie Touristen berichten, scheinen einige der gruseligen Puppen ein Eigenleben zu führen und die Augen zu verdrehen.

Das Eiland sieht aus wie die Kulisse für einen Horrorfilm. Unzählige Augenpaare starren jeden an, der die Isla de las Muñecas betritt, die Insel der Puppen. Wie kleine Kinderleichen hängen Hunderte von Puppen an Baumstämmen aufgeknüpft. In den Wipfeln schaukeln sie an Leinen, die quer über die Insel gespannt sind. Manche sind wie Mumien in Spinnennetze eingewoben, einer Babypuppe krabbeln rote Käfer aus den Augenhöhlen heraus. Vielen fehlen Arme oder Beine, einige sehen wie Brandopfer aus: Die Sonne hat ihnen die Gesichter schwarz versengt, die Plastikhaut ist von der Hitze aufgeplatzt und wirft Blasen.

Wie kann man seine Insel nur freiwillig in einen Friedhof verstümmelter Plastikmumien verwandeln? Der Mexikaner Julián Santana, Spitzname Don Julián, lebte hier Jahrzehnte wie ein Einsiedler. Nur er und seine Puppen bewohnten das Eiland, das in dem von Kanälen durchzogenen Naturschutzgebiet von Xochimilco am Rand von Mexiko-Stadt liegt. Vor mehr als 60 Jahren, so die Legende, fing Don Julián an, angeschwemmte Puppen aus dem Kanal vor der Insel zu fischen und sie überall aufzuhängen. Angeblich, weil 1951 vor seiner Insel ein kleines Mädchen ertrunken war. Mit den Puppen wollte er den Geist des Mädchens besänftigen – und begründete mit der seltsamen Dekoration einen Puppenkult auf der Isla de las Muñecas.

Es ist nicht leicht, diesen Puppenfriedhof zu erreichen. Aus dem Zentrum von Mexiko-Stadt ruckelt ein kleiner Zug nach Xochimilco, von dort geht es nur mit dem Boot weiter. An den Anlegestellen schaukeln Hunderte knallbunte Trajineras, mit Blumen geschmückte Holzkähne, dicht an dicht im Wasser. Am Wochenende verwandeln sich die Kanäle in eine schwimmende Amüsiergesellschaft, Hunderte von Partys, Picknicks und Familientreffen finden gleichzeitig statt.

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Ariachis auf dem Wasser

Die Puppeninsel ist kein klassisches Ziel. Über zwei Stunden dauert die Fahrt. Der Fährmann, ein kleiner, breiter Mexikaner aus Xochimilco, lenkt das Holzboot wie die Gondolieri von Venedig mit einer langen Holzstange.

Auf dem Wasser stauen sich die Boote immer wieder, weil sechs Bootsmänner gleichzeitig versuchen, sich und ihre Fracht durch den Kanal zu quetschen. Dazwischen wuseln schwimmende Supermärkte herum: Frauen und Männer, die ihre Waren in kleinen, wendigen Kähnen präsentieren und sich an die größeren Boote hängen, um Blumengebinde, Bonsai-Bäumchen, kleine Holzboote, Essen oder selbstgebrautes Bier anzupreisen. Derweil geben schwimmende Mariachi-Bands Konzerte und sammeln Trinkgeld ein.

An ein paar Bäumen neben dem Kanal hängen die ersten Puppen und ein paar zerfetzte Kuscheltiere. Der Fährmann schüttelt nur verächtlich mit dem Kopf. Fehlalarm: Findige Geschäftsleute haben hier eine Kopie der berühmten Isla de las Muñecas angelegt – für Touristen, die sich nicht auf den langen, beschwerlichen Weg zur echten Insel machen wollen.

Nach einer halben Stunde erweitert sich der Kanal in einen kleinen See, der Stau löst sich auf. Das Holzboot wird mit Seilwinden über eine rostige Schleuse an den Rand des Sees gehoben. Dann kommt lange nichts – und nach eineinhalb Stunden legt das Boot an der Isla de las Muñecas an.

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Angst gehört zum Geschäft

“Don Julián hat auf der Insel Blumen und Gemüse angebaut”, erzählt der Fährmann. “Dann ist er an der gleichen Stelle wie das kleine Mädchen ins Wasser gefallen und ertrunken, weil er besoffen war.” Als er noch lebte, habe er gerne Besucher auf der Insel empfangen und sie herumgeführt. “Geld hat er nie genommen, nur Geschenke. Jetzt würden allerdings ein paar Männer abkassieren, die behaupten, sie seien die Neffen von Don Julián.

Tatsächlich sitzt ein Mann am Rand der Puppeninsel und verlangt umgerechnet etwas mehr als einen Euro von jedem, der die Insel betreten will. Unter einem Holzdach werden Tortillas und Getränke verkauft. Eine Schulklasse und eine mexikanische Touristengruppe tummeln sich schon auf der kleinen Insel, zwei Kinder spielen auf einer Pappe unter den Puppen.

Gustavo Rodriguez knipst unablässig Fotos für sein Blog: “Es kommt mir vor, als ob die Puppen hier aufmerksam jeden Schritt der Touristen beobachten”, sagt der Biologiestudent aus Yautepec. “Das ist schon eine seltsame Atmosphäre.” Rodriguez hatte von seinen Freunden viel über die Insel gehört und wollte mehr über die Legenden erfahren, die sich um die Puppen ranken, und auch Xochimilco kennenlernen, einen traditionellen Ausflugsort für Mexikaner. “Ich finde es klasse hier, aber es ist schade, dass es jetzt nicht dunkel ist”, sagt Rodriguez. “Nachts ist es sicher noch gruseliger.”

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Barbie ist auch schon da

Diana Sanchez ist ein bisschen enttäuscht, dass sie sich nicht so sehr fürchtet, wie sie dachte. “Die Puppen haben eine düstere Ausstrahlung, weil sie dem Wetter ausgesetzt sind”, sagt sie – aber durch die Gruselgeschichten ihrer Bekannten habe sie eine noch extremere Vorstellung von der Insel gehabt. Die Social-Media-Managerin aus Mexiko-Stadt ist zum ersten Mal hier – obwohl sie jahrelang neugierig auf die Puppeninsel war: “Uns Mexikanern gefallen eben Mythen und Legenden”, sagt sie. “Dass es so schwierig ist, hierherzukommen, macht die Insel noch geheimisvoller.”

Anastacio Santana, ein Mittfünziger mit angegrauten Haaren, winkt die Besucher in eine kleine Holzhütte, deren Wände völlig von Puppen bedeckt sind, und erzählt die Geschichte der Insel – die bei ihm allerdings anders endet als die Version des Fährmann. “2001 hatte Don Julián an der einstigen Unglücksstelle einen Herzinfarkt und starb”, sagt Santana. “86 Jahre war er alt.” Jetzt wohne er, der Neffe, hier, züchte Blumen und führe Besucher herum. Jedes Wochenende nähmen etwa hundert Touristen aus Mexiko, manchmal auch aus anderen Ländern, den Weg auf sich.

Santana deutet auf einen bunten Holzaltar, in dem eine Puppe mit Brille sitzt. Vor ihr türmen sich Armbänder, weiße Blumen, kleine Puppen und eine Schüssel voller Münzen. “Die Leute kommen hierher und legen Geschenke oder Geld dazu”, sagt er. “Sie bitten so um Glück zu Hause, in der Schule oder Arbeit oder um etwas anderes.” Über dem Altar hängt ein Foto von Don Julián – ein hagerer, freundlich wirkender Mann mit sonnengegerbtem Gesicht.

Es sind wohl gerade die vielen, auch widersprüchlichen Geschichten, die die Insel so anziehend macht. Der Puppenkult hält jedenfalls weiter an – auch ohne Don Julián. Zwischen die mumifizierten Puppen an einem Baumstamm hat jemand eine neue Barbiepuppe gehängt.

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