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Das Leben mit psychischen Krankheiten – Aus dem Tagebuch eines Borderliners

Bevor du mir sagst, dass ich darüber hinwegkommen soll, versuch zu verstehen wie schwer es für mich überhaupt ist jeden Tag in dieser Hölle, mit Borderline, leben zu müssen.

Hallo, ich stelle mich mal vor. Ich bin eine Redakteurin dieser Website, namens Alvina. Ich habe vor einiger Zeit einen Beitrag hier auf der Seite gefunden, der den Namen trägt ”Die 10 schlimmsten psychischen Erkrankungen” und unter diesen 10 befand sich die ‘Borderline-Persönlichkeitsstörung’. Da ich seitdem ich denken kann unter dieser Störung erkrankt bin (und unter anderen psychischen Krankheiten – einer sozialen Phobie, Schlafstörungen, akute Suizidalität und bei mir liegt ein großer ‘Verdacht’ auf Depressionen vor) habe ich mir gedacht, dass es mal interessant wäre für psychisch gesunde Menschen zu sehen, wie es sich so lebt mit einer solchen Erkrankung. Ich bin unter anderem seit meinem elften Lebensjahr in Behandlung und war auch für eine Zeit in einer Klinik. Seit kurzem gehe ich wieder zur Therapie und nehme wieder Medikamente, da sich mein Zustand extremst verschlimmert hat. Ich bin aber komplett zurechnungsfähig – meistens. Wenn ich das mal nicht bin versuche ich den Kontakt zu Menschen zu vermeiden, oder gehe mal einen Tag nicht zur Schule/Arbeit, da ich sonst eine zu große Gefahr für mich und die Menschen um mich herum bin.

In der Gesellschaft sind psychische Krankheiten ein Taboo-Thema und auch in der Schule lernt man nichts darüber, obwohl es ein (meiner Meinung nach) relevantes Thema ist. Heutzutage nehmen psychische Krankheiten immer mehr zu, vor allem in jungen Jahren, da das sogenannte Burnout-Syndrom immer früher auftritt. Deswegen ist es doch umso wichtiger, Kinder und Jugendliche darüber zu lehren (unter anderem, wie man damit umgehen kann), oder etwa nicht?

Ich habe geplant ein ‘Tagebuch’ zu schreiben, für ca. 20-30 Tage, damit ihr sehen könnt, wie man mit sowas lebt.

Was ist eigentlich eine Borderline-Persönlichkeitsstörung?

Borderline ist ein ewiges Zwischendasein zwischen Leben und Tod. Es ist eine ständige Achterbahn der Gefühle. Es ist das Leben in einer leeren Hülle, die Angst alleine gelassen zu werden, ein endloser Kampf ums Überleben, ein Leben an der Grenze des Aushaltbaren, das andauerne verzerrte Selbstbild, der Wechsel zwischen Idealisierung und Abwertung. Borderline ist sich selbst zu verlieren.

Borderline-Persönlichkeitsstörung

 

Und nun erzähle ich euch meine Geschichte:

22. Juli:

Es ist gerade 23:58 Uhr, wo ich das hier schreibe. Mein Tag war eigentlich gut, ich habe meine beste Freundin besucht und wollte eigentlich auch spontan mit ihr ins Kino. Mein Gehirn hat mir aber da ein Strich durch die Rechnung gemacht – plötzlich, aus dem nichts ging es mir so schlecht, dass wir dann doch nicht ins Kino gegangen sind. Ich bin froh, dass meine beste Freundin meine Krankheit akzeptiert und mir auch nicht böse ist, wenn ich mal etwas eingeschränkt bin. Jetzt gerade sitze ich im Bett, schreibe das hier, höre spanische Musik und habe mir vor 5 Minuten einen Verband um meinen linken Arm gemacht, da ich mir vor 10 Minuten den Arm aufgeschnitten hatte. Mittlerweile geht es mir besser und jetzt weiß ich nicht mal mehr, was vor 10 Minuten genau in meinem Kopf vorging. Jetzt habe ich nur unvorstellbare Kopfschmerzen und versuche dann langsam zu schlafen.

 

23. Juli:

Der Tag war so naja… hatte wie gewöhnt meine ups und downs. Jetzt ist es Nacht und es geht mir einfach grauenhaft – ich hab Verlustängste. Ich habe Angst davor, diese eine Person in meinem Leben zu verlieren. Eigentlich habe ich sie doch schon längst verloren. Ich hasse es, so wie es jetzt ist. Früher haben wir tagtäglich geschrieben und telefoniert. Heute kann ich glücklich sein, wenn ich einmal in der Woche eine Nachricht bekomme. Ich hasse es. Am liebsten würde ich mich jetzt gerade vor einen Zug schmeißen, aber ich will nicht dass diese Person enttäuscht von mir ist. Höchstwahrscheinlich bin ich dieser Person eh scheiß egal, also kann ich mich ja eigentlich auch umbringen – habe ja nichtmal genug Gründe mehr am Leben zu bleiben.

24. Juli:

Ich war zwar heute den ganzen Tag mit einem Kumpel draußen, aber trotzdem war diese innerliche Leere immer da. Es fühlt sich an, wie nichts. Absolut nichts. Da ist nur dieser Druck den man ständig im Kopf oder auf der Brust spürt. Diese innerliche Leere ist echt schwer zu beschreiben- es ist so als wäre man schon längst Tod. Alle anderen gehen an einem vorbei und man steht ganz alleine mittendrin. Das Leben zieht an mir vorbei und ich kann absolut nichts dagegen machen. Der einzige Lebensweis für mich ist, dass ein Typ der neben mir sitzt mit mir redet. Meine Hilfe dagegen: spatzieren, Alkohol, Shisha und schneiden. Habe alles davon schon gemacht und mir geht es nicht besser.

 

25. Juli:

Heute hab ich weder getrunken noch gegessen, bin nicht raus gegangen und bin nichtmal aufgestanden. Heute war einer der schlechteren Tage für mich – ich glaube das werde ich auch bei der Therapie (am Freitag) ansprechen. Dieser innerliche Druck lässt mich im Bett liegen, ich habe weder Kraft noch Motivation irgendetwas zu tun. Es ist so, als hätte ich keinen Grund mehr zu leben. Mir fehlt nur noch die Kraft um vor den Zug zu springen. Es ergibt einfach alles gar keinen Sinn mehr. Es ist wirklich schwer, zu beschreiben was in meinem Kopf vorgeht – es ist einfach viel zu viel. Als würde ich meinen Verstand verlieren.

 

26. Juli:

Der Tag ist genau so abgeaufen, wie der gestrige. Immernoch diese innerliche Leere.

 

27. Juli:

Ich befinde mich immernoch in einer Down-Phase, wenigstens hab ich heute etwas produktives gemacht.

 

28. Juli:

Mir ging es heute wirklich erstaunlich gut. Ich war heute bei meiner Therapeutin und konnte dort auch sehr viel ansprechen, unteranderem konnte ich darüber reden, dass ich morgen mit Bekannten nach Paris fahre. Ich bin nämlich sehr aufgeregt, dass ich eventuell einen Aussetzer habe und zum Beispiel in der öffentlichkeit ausraste, weil ich meine Gefühle nicht mehr kontrollieren kann.

 

29. Juli:

Ich habe eine 16-stündige Fahrt hinter mir, welche mir jegliche Kraft geraubt hat. Ich weiß nicht wirklich, was ich tun soll. Am liebsten würde ich schreien oder ausrasten, aber ich kann nicht. Im Bus war es wirklich sehr sehr anstrengend meine Gefühle und Gedanken zu kontrollieren und nicht komplett auszurasten. Die meiste Zeit habe ich versucht meinen Arm aufzukratzen, mich selbst zu beruhigen und habe Beruhigungsmittel geschluckt. Es war einfach die Hölle.

 

30. Juli:

Der Tag war wirklich sehr schön (Ich war am Louvre, auf dem Eifelturm,…). Ich kann wirklich sagen, dass das der Beste Tag seit langem für mich war.

 

31. Juli:

Ich hatte viele schlechte Gedanken und konnte mich leider nicht mit den schönen Dingen, die um mich herum waren ‘ablenken’. Das hat dafür geführt, dass ich meine Arme, in der Nacht, in der Badewann aufgeschnitten habe und danach 2 Stunden weinend auf dem Badezimmer Boden saß, dabei traurige Musik gehört und Shisha geraucht habe.

 

01. August:

Heute war ich im Disneyland (mein Kindheitstraum), aber egal. In der Nacht sind wir wieder zurück nach Sachsen gefahren und mir ist bei dem 1. Stop aufgefallen, dass ich die letzten 5-6 Tage kaum etwas gegessen habe (gerade mal einen Obstsalat am Tag). Das ist mir so bewusst geworden, indem ich einen Kreislaufzusammenbruch hatte. Außerdem hatte ich Schmerzen in meiner linken Körperhälfte, konnte diese auch kaum bewegen und hatte Atemprobleme. Ich habe mich wirklich extremst geschämt dafür, dass die Busse wegen mir 20 Minuten mehr halten mussten.

 

02. August:

Ich war im Krankenhaus (wegen gestern) und das Resultat war: ”deine psychischen Krankheiten sind so weit fortgeschritten, dass du jetzt noch mehr (körperliche) Schmerzen kriegen kannst, als sonst.” Ich weiß nicht wirklich, was ich daazusagen kann, also lasse ich es.

 

03. August:

Ich habe einfach nur Angst, in ein paar Tagen wieder in die Schule gehen zu müssen.

 

04. August:

Um ehrlich zu sein – ich denke ich bin wieder an einem Punkt in meinem Leben angelangt, wo weitermachen (weiter leben) keine Option mehr ist.

 

05. August:

Die Angst vor der Schule steigt täglich. Ich bin nicht mehr in der Lage irgendwas zu machen, deswegen lieg ich nur im Bett, starre die Wand an und hoffe, dass ich bald die Kraft habe um wieder richtig mein Leben leben zu können oder wenigstens die Kraft dafür, mein Leben zu beenden.

 

06. August:

Ich bemerke schon wieder, dass es mir von Tag zu Tag schlechter geht. Ich esse weniger, spüre mehr Leere in mir, isoliere mich mehr und mehr von anderen Menschen, schlafe weniger und der Wunsch zu sterben wächst.

 

07. August:

Erster Schultag.  Ich hatte Angst und irgendwie ist die Angst auch berechtigt. Schule ist wirklich anstrengend und raubt mir wirklich die Kraft für alles andere und dazu kommen noch meine Schlafstörungen. Ich klappe regelrecht zusammen, wenn ich in der Schule bin.

 

08. August:

Ich habe ständig Stimmungsschwankungen- es kommen ständig schlechte Gedanken und ich kann sie absolut nicht kontrollieren. Sie kommen einfach plötzlich und irgendwann verschwinden sie auch – es gibt absolut keinen Grund warum diese Gedanken da sind. Also ich kann in einem Moment lachen und dann plötzlich nicht mehr und komplett am Boden sein.

 

09. August:

Kennt ihr diesen Moment, wenn es euch richtig schlecht geht und ihr es fühlen könnt? Wie zum Beispiel Kopfschmerzen, Schmerzen in der Brust oder vielleicht auch einfach Taubheit in den Beinen. Ich habe seit vielleicht 3 Jahren durchgehend Kopfschmerzen, hatte mehrere Untersuchungen und es ist immer das selbe raus gekommen – es liegt an meiner Psyche. Heute waren diese Schmerzen wirklich extremst und dementsprechend ging es mir auch nicht gut.

 

10. August:

Manchmal will sogar ich kurze Sachen anziehen und diese Blicke von anderen Leuten hindern mich nunmal daran. Ich bin ein ganz normaler Mensch, wie jeder andere – aber da gibt es nunmal einen Unterschied zwischen mir und anderen. Man kann meine Fehler mir sogar auf der Haut ansehen, da ca. 75% meines Körpers bereits vernarbt sind. Ich will aber trotzdem an manchen Tagen  zum Beispiel ein kurzärmliches T-Shirt tragen, wo man nunmal meine Narben sieht. Ihr müsst wissen, dass  ich es absolut hasse jeden Morgen mit Narben aufwachen zu müssen und durch Menschen die mich ständig dumm anschauen oder über mich ablästern hasse ich es nurnoch mehr.

 

11. August:

Es ist mal wieder so ein Tag an dem ich einfach nichts mehr machen will und am liebsten alles aufgeben würde, aber das geht nunmal nicht so leicht.

 

12. August:

Ich habe Angst. Ich habe Angst, dass ich die einzige bin,  die sich an all diese schönen Momente erinnert. An jede einzige Umarmung, an jeden einzigen Kuss, an deinen Geruch, an deine starken Arme und wie es sich angefühlt hat, als du mich damit umarmt hast, an diese Freude als ich dich wieder sehen konnte. Höchstwahrscheinlich erinnerst du dich nicht mehr daran, aber, ichh tue es. deine Hand in meiner, mein Kopf auf deiner Brust und deine andere Hand auf meinem Kopf – zusammen alleine und zusammen nichts zu tun war irgendwie immer das schönste für mich. Einfach egal was wir gemacht haben, es hat mir gefallen, weil du da warst. Aber jetzt hab ich all dies nicht mehr. Jetzt bin ich alleine alleine und tue alleine nichts. Jetzt hat sie das alles. Und um ehrlich zu sein, dafür hasse ich sie. Aber mich selbst hasse ich viel mehr, ich hasse niemanden so sehr wie mich selbst. Und es tut mir Leid, dass ich dir und niemanden anderem das geben kann, was sie anscheinend kann. Es tut mir Leid.

 

13. August:

Ich habe ständig Flashbacks heute gehabt, von sagen wir mal, nicht so schönen Momenten in meinem Leben.. Es hat mir Angst gemacht, wieder in dieser Situation zu sein (in meinen Gedanken). Es hat wiedermal dazu geführt, dass ich mir die Arme aufgeschnitten habe, eventuell 20 Mal geduscht habe und die restliche Zeit einfach geweint habe.

Ich habe mich dazu entschieden, jetzt mit diesem Tagebuch aufzuhören. Ich denke es hat mir ganz gut getan, mal wieder meine Gedanken aufzuschreiben und eventuell konnte ich euch einen Einblick in diese ‘Welt’ geben – falls ich das geschafft habe, freut es mich natürlich, falls nicht versteht bitte, dass es auch sehr schwer für mich ist alles zu entziffern und dann aufzuschreiben.

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Hey, ich bin Alvina, 17 Jahre alt und komme aus Sachsen. Ich bin immernoch Schülerin (bald Studentin) und bin eine der Redakteuren dieser Seite. ''How can you be so arrogant to think that ther is only one reality that you're able to see?''

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