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CreepypastasKurzgeschichten

Unklar: Verschwommene Erinnerungen- Geistergeschichte

Ich bin ein Mensch, der es hasst seine Brille zu tragen. Schon in der Schulzeit konnte ich es nicht ausstehen. Nicht nur, dass ich mich damit immer komplett unwohl und teilweise ausgeschlossen gefühlt habe, sie war auch noch verdammt unpraktisch. Im Sport kam ich an ihr nicht vorbei, ich hatte so eine starke Sehschwäche, dass ich den Ball sonst nie hätte erkennen können. Außerdem bin ich sehr schnell gewachsen, dementsprechend unpassend sah sie an mir immer aus.

Deswegen wechselte ich, sobald ich es konnte, auf Kontaktlinsen. Seitdem habe ich die Brille so gut wie nie mehr getragen. Und damit bin ich bisher auch sehr gut gefahren. Selbst vor dem Computerbildschirm trage ich sie, selbst wenn sie dort recht schnell trocken werden und unangenehm zu tragen. Das nehme ich lieber in Kauf als meine alte, zerkratzte und zerbogene Brille zu nehmen, die mich in meiner Sicht eh nur einschränkt.

So auch an diesem Abend. Es war schon tiefste Nacht, doch mein Schlafrhythmus ist infolge meines Studentenstatus eh komplett durcheinander. Nur eine kleine Schreibtischlampe erhellte meinen Raum, der Rest erledigte der Bildschirm meines Computers. Ich sahs bestimmt stundenlang auf meinem kleinen Schreibtischstuhl, bis ich mich endlich dazu entschloss ins Bett zu gehen.

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Im Bad nahm ich meine Kontaktlinsen heraus, doch irgendetwas war merkwürdig. Ich konnte meine Brille einfach nicht finden. Dabei lag sie immer auf der Heizung unterm Wandschrank, dort legte ich sie jeden Morgen hin und von dort nahm ich sie mir auch jeden Abend, wenn ich zu Bett gehen wollte. Doch diesmal lag sie dort nicht. Vielleicht hatte ich sie gedankenverloren woanders hingelegt? Vielleicht hatte ich sie am Morgen an meinem Bett vergessen? Es passiert nicht zum ersten Mal, dass sich meine Taten so verfestigt haben, dass ich ein Schritt auslasse und vergesse, was ich anders gemacht habe, da die Autonomität meine Schritte als zu normal erachtet um sie sich zu merken.

Ich beschloss auf meinem Beistelltisch nachzusehen, ob ich sie dort heute Morgen vergessen hatte. Zum Glück war meine Wohnung klein und die Wege kurz, sodass ich mich auch mit verschwommener Sicht zurechtfinden konnte. Gerade als ich das Licht im Bad ausmachen wollte, erstarrte ich. Direkt neben meinem Kleiderständer, neben der Wohnungstür, bewegte sich etwas. Ich kniff die Augen zusammen, doch natürlich konnte das meine Sehkraft auch nicht heilen. Langsam ging ich auf den Kleiderständer zu. Ich konnte nicht ausmachen, was sich dort bewegt, alle meine Klamotten vermischten sich zu einem dunklen Einheitsbrei für meine Augen.

Ich kam dem Kleiderstand immer näher und gerade, als sich meine Sicht zu klären begann, hörte die Bewegung abrupt auf. Ich ging so nah heran, dass ich erkennen konnte, um was für einen Gegenstand es sich handelte. Erkennen konnte ich nur meinen alten, schweren Wintermantel. Meine Augen müssen mir einen Streich gespielt haben, vielleicht sahs ich zu lange am Computer.

Erleichtert atmete ich aus und drehte mich um, um den Lichtschalter auf der anderen Seite erreichen zu können, doch dazu kam ich gar nicht. Mein Blick fiel in Richtung Badtür, wo sich ein großer, unförmiger Punkt für mich sichtbar macht. Das konnte kein Wintermantel sein, die Tür war normalerweise komplett weiß und alle meine Klamotten befanden sich hier auf dem Kleiderständer neben mir.

Der schwarze Punkt beginnt Konturen anzunehmen, soweit ich es erkennen konnte. Etwas langes, knochiges löste sich jeweils rechts und links von dem Punkt und weitere, fünf langen Äste entblößten sich an beiden Seiten. Etwas oberhalb des Punktes schient sich zu bewegen, ehe es so aussieht, als würde ein Mensch seinen Kopf heben. Die sehr verzerrte Form dessen was sich mir bot machten es mir unmöglich zu sehen, was es war. Ich war wie versteinert. Langsam bewegte sich der verzerrte Punkt nach vorne, wie ein schwerfälliger Mensch, der eine Verletzung an einem Bein hat. Seine langen, schwarzen Äste streckten sich mir etwas entgegen. Die Entfernung von den Ästen und dem Punkt musste bestimmt mindestens einen Meter betragen. Er hielt etwas, während er langsam auf mich zu kam. Mein Herz stockte, doch ich konnte mich weiterhin nicht bewegen. Dann, als die Äste mir nah genug gekommen sind, erkannte ich, was er festhielt: meine Brille. Er wurde langsamer, blieb stehen und streckte die Äste weiter nach mir aus. Ganz langsam näherte sich meine Bille meinem Gesicht, doch sie war noch immer zu weit weg, als das ich erkennen konnte, was genau sich vor mir befand. Kurz bevor die Brille auch nur ansatzweise so weit vor meinem Gesicht war, dass ich es erkennen konnte, stoppte das Vieh. Es war kein Zweifel mehr, dass es ein Vieh sein musste, denn vom Schwarz abhebend konnte ich eine Reihe entblößter, weißer Zähne erahnen, die sich immer weiter auf seiner Art Gesicht ausbreiteten. Die Äste zittern und ich erwartete jeden Moment, dass es mir die Brille aufsetze und ich erkennen konnte, mit was ich es hier zu tun habe. Doch plötzlich ließ es meine Brille klirrend zu Boden fallen, riss den Mund auf und das Letzte, was ich sah, waren die weißen, spitzen Zähne, die sich direkt vor meinem Gesicht zu einem brutalen Gesamtbild ergaben.

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